Die Braut trägt Zahnspange – Kinderhochzeiten in Indonesien


 
 
 

Von Ahmad Pathoni, dpa

Armut, Religion, sozialer Druck – in Indonesien ist es gang und gäbe, dass Mädchen verheiratet werden. Manche Braut ist sogar erst elf Jahre alt. Unter den Folgen leidet das ganze Land.

Cipayung (dpa) – Wie das so ist, am vermeintlich schönsten Tag des Lebens: Es fließen Tränen. In Indonesien ist das bei Hochzeiten auch nicht anders als im Rest der Welt. Yasinta Amelia jedenfalls kann sich nicht mehr zurückhalten, nachdem sie Muhammad Misbah, jetzt ihr Ehemann, in einer einfachen muslimischen Zeremonie das Jawort gegeben hat. Die ziemlich dick aufgetragene Schminke zerläuft.

Aber das ist nicht das Besondere hier. Was für jemand, der aus der Ferne kommt, viel auffälliger ist: Die Braut trägt Zahnspange. Amelia ist erst 16, ein Kind noch. Indonesien – mit etwa 250 Millionen Einwohnern nicht nur der größte Inselstaat der Welt, sondern auch der Staat mit den meisten Muslimen – gehört zu den Ländern, in denen Kinderhochzeiten immer noch gang und gäbe sind.

Hier wird jedes vierte Mädchen verheiratet, bevor es 18 ist. Im Jahr 2012 – so die jüngste offizielle Statistik der Regierung – waren es mehr als 1,3 Millionen. Nach Einschätzung von Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, hat sich daran in den vergangenen Jahren nichts geändert, obwohl Indonesien im Bildungswesen und in der Wirtschaft Fortschritte machte.

In der weltweiten Kinderhochzeiten-Statistik von Unicef liegt das Land auf Platz sieben. Nach hiesigem Recht können Männer erst mit 19 Jahren heiraten; Mädchen dagegen – nach einem Gesetz aus dem Jahr 1974 – bereits mit 16. Wenn die Moschee-Verantwortlichen zustimmen, ist dies sogar noch früher möglich. Die Eltern müssen dazu eine Sondererlaubnis von einem Religionsgericht einholen. Manche Braut ist erst elf.

Immer wieder kommt es vor, dass die Familien über das wahre Alter lügen. Bei Amelia mit ihren 16 Jahren hat letztlich die Mutter die Entscheidung gefällt – aus Sorge, dass die Tochter vor der Ehe schwanger werden könnte. Für die Familie, die in einer zutiefst muslimischen Gegend in Cipayung lebt, im Westen der Insel Java, hätte dies eine Schande bedeutet.

«Wir sind schon eine ganze Weile zusammen», sagt Amelia unter ihrer dicken Schminke und ihrem Schleier, nachdem die Tränen getrocknet sind. «Deshalb ist es besser für uns, keine sündigen Dinge zu tun und zu heiraten. Sonst reden die Nachbarn schlecht über uns.»

Das ist in den meisten Fällen aber keineswegs der einzige Grund. «Viele arme Eltern verheiraten die Töchter so früh, um ihre wirtschaftliche Not zu verringern», sagt Listyowati, die Vorsitzende von Kalyanamitra, einer Nichtregierungsorganisation, die für Frauenrechte kämpft. «Aber sie sind sich nicht im Klaren darüber, dass das einen neuen Kreislauf der Armut in Gang setzt: Wenn Mädchen unter 18 heiraten, bringen sie ihre Schulbildung seltener zu Ende. Und sie werden häufiger Opfer von häuslicher Gewalt.»

Die vielen Teenager-Hochzeiten tragen auch dazu bei, dass Schwangerschaften in Indonesien häufiger tödlich verlaufen als anderswo. Unicef hat ausgerechnet, dass das Wirtschaftswachstum deshalb um 1,7 Prozentpunkte niedriger ausfällt. Manche argumentieren auch, dass das Hochzeitsgesetz im Widerspruch zu einem anderen indonesischen Gesetz steht, wonach man bis 18 noch Kind ist.

Aber alle Versuche, das Hochzeitsalter für Mädchen heraufzusetzen, hatten bislang keinen Erfolg. Der große Einfluss der Religion macht die Sache noch komplizierter. Vor zwei Jahren wies das Verfassungsgericht eine Petition mit der Begründung ab, dass der Islam und andere Religionen kein Mindestalter für Braut und Bräutigam vorsähen und die Pubertät ein Indiz dafür sei, dass Mädchen hochzeitsreif seien.

Zudem spielt Tradition eine Rolle. «Die Auffassung, dass Frauen, wenn sie nicht früh heiraten, eine alte Jungfer werden, ist weit verbreitet», sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Hilfsorganisation Oxfam, Antarini Arna. «Das wäre dann beschämend für ihre Familien und sie selbst. Deshalb zwingt man Mädchen zur Heirat. Und deshalb sind sie auch dazu bereit.»