Illegaler Datenabfluss: Facebook erlebt den großen Kontrollverlust

Mark Zuckerberg hat auf Kritik an seinem Netzwerk lange gar nicht oder nur zaghaft reagiert. Mit dem jüngsten Skandal droht dem Konzern nun eine härtere Regulierung. Das hat weitreichende Folgen für das Geschäftsmodell.

Der wichtigsten Erfolgsregel des mächtigsten sozialen Netzwerks der Welt droht die Abschaffung: „Lasst uns in Ruhe, und wir werden Erfolg haben.“ Bislang ist Facebook damit gut gefahren. 1,4 Milliarden Menschen nutzen täglich die Plattform von Mark Zuckerberg, um sich mit Freunden zu verbinden und ihr Leben auszubreiten.

Der in den USA traditionell freizügige Umgang mit Nutzerdaten hat das Wachstum des Internetkonzerns beflügelt. Nur auf diesem Boden konnte das Geschäftsmodell zielgerichteter Werbung prächtig gedeihen. Doch schon bald könnte die Freiheit von Facebook Geschichte sein.

Tatsächlich stand Facebook nie zuvor so sehr unter Druck wie in diesen Tagen. Wie ein Berg häufen sich die Vorwürfe vor dem Unternehmensgründer Zuckerberg auf. Schon die lange Zeit heruntergespielte Verbreitung von „Fake News“ aus russischen Quellen, die nach Meinung von Experten 2016 den Ausgang der US-Präsidentschaftswahl beeinflusst haben könnte, hat Kritiker aufhorchen lassen. Allzu leichtfertig hat sich Facebook der Manipulation geöffnet – und von all dem nichts wissen wollen. Wie US-Medien berichten, hat Marc Zuckerberg in diesem Zusammenhang seinen Sicherheitschef entmachtet, der auf mehr Transparenz gedrungen hat.

Auch im aktuellen Fall, bei dem es um die Daten von 50 Millionen Amerikanern geht, die über die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica abgeflossen sind, hat Facebook große Nachlässigkeit gezeigt. Offenbar hat das Unternehmen über einen großen Teil seiner Daten die Kontrolle verloren – eine Erkenntnis, die auch im Verhältnis zur Politik zu einem Kontrollverlust führen könnte.

Informationen über Freunde flossen in fremde Hände

Bereits am Wochenende war bekannt geworden, dass Cambridge Analytica illegal an diese Daten gekommen war. Um sie zu sammeln, hatte ein Professor eine Umfrage zu Persönlichkeits-Merkmalen aufgesetzt, die bei Facebook als wissenschaftliche Forschung angemeldet wurde. Die Daten gingen dann ohne Wissen der Nutzer an Cambridge Analytica. Nach den Enthüllungen reagierte die Firma und suspendierte am Dienstagabend ihren Chef. Geschäftsführer Alexander Nix werde mit sofortiger Wirkung während einer „vollumfänglichen, unabhängigen Ermittlung“ von seinen Aufgaben entbunden, teilte das Unternehmen mit.

Facebook sperrte erst in der vergangenen Woche die Analyse-Firma aus, weil sie die unrechtmäßig erhaltenen Nutzerdaten entgegen früheren Zusicherungen nicht gelöscht habe.

Zwar haben viele Facebook-Nutzer der Weitergabe ihrer Daten zugestimmt, doch damit flossen auch die Informationen über ihre Freunde in fremde Hände – ohne deren Wissen und Zustimmung. Und nach Bekanntwerden des Lecks hat das soziale Netzwerk es nicht für nötig erachtet, die betroffenen Nutzer darüber zu informieren. Cambridge Analytica soll im US-Wahlkampf entscheidend dabei geholfen haben, mit als Werbung geschalteten gezielten Botschaften bei Facebook Anhänger von Donald Trump zu mobilisieren und zugleich potenzielle Wähler der Gegenkandidatin Hillary Clinton vom Urnengang abzubringen.

All dies könnte sich nun für Facebook zu einem perfekten Sturm entwickeln. Schon Anfang 2018 hatte Gründer Zuckerberg intern den Notstand ausgerufen, als er seine persönliche Herausforderung des Jahres vorstellte: Er wolle das Jahr nutzen, um einige der großen Probleme zu „reparieren“. Die Mitglieder des sozialen Netzwerks sollten besser vor „Missbrauch und Hass“ geschützt werden. Zuckerberg wolle sein Unternehmen gegen die „Einmischung von Nationalstaaten verteidigen“.

„Gesetze sind national, Daten sind es nicht“

Nachdem die „New York Times“ und der britische „Observer“ am Wochenende über den Datenabfluss berichtet hatten, prasseln nun die Forderungen und Drohungen auf Facebook nieder. Und tatsächlich könnte dies ein Wendepunkt für das Unternehmen sein. EU-Justizkommissarin Věra Jourová bezeichnete es als „erschreckend“, dass die persönlichen Daten von 50 Millionen Nutzern so einfach abgegriffen und für politische Zwecke eingesetzt worden sein könnten.

Der europäische Datenschutzbeauftragte Giovanni Buttarelli verlangt nun grenzübergreifende Lösungen im Umgang mit Internet-Giganten: „Gesetze sind national, Daten sind es nicht.“ Deshalb müssten auch internationale Lösungen gefunden werden. Dieser Fall sei nur die Spitze des Eisberg, sagte Buttarelli. Er zeige, wie Daten zur Manipulation genutzt werden könnten. „Das Problem ist real und riesig.“

Nun konnte es sich Facebook in der Vergangenheit leisten, die Kritiker in Europa mit kleineren Änderungen der Geschäftspraktiken weitestgehend ruhig zu halten, oder sie auch einfach zu ignorieren. Doch in den USA wird das dem Unternehmen nicht so einfach gelingen.

Parteiübergreifend verlangen demokratische und republikanische Abgeordnete, dass die Chefs der Tech-Konzerne, darunter Facebook, Google und Twitter, vor dem Kongress erklären sollen, wie sie die Daten der Nutzer zu schützen gedenken, damit sie nicht von anderen Unternehmen missbraucht werden. Unwahrscheinlich, dass sie sich mit deren Aussagen ohne jegliche Kontrolle auf Dauer zufrieden geben.