40 Jahre nach Francos Tod: «Wunden noch nicht verheilt»

Von Hubert Kahl, dpa

Vor 40 Jahren starb Spaniens Diktator Francisco Franco. Sein Tod machte den Weg frei zur Wiedereinführung der Demokratie. An das Regime erinnert heute kaum noch etwas – aber ganz verheilt sind die Wunden der Diktatur nicht.

+++(c) dpa - Bildfunk+++
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«Spanier, Franco ist gestorben.» Mit diesen Worten verkündete Ministerpräsident Carlos Arias Navarro am Morgen des 20. November 1975 im Fernsehen den Tod des Diktators, der Spanien 36 Jahre mit eiserner Hand beherrscht hatte. Das Land hielt den Atem an, denn niemand wusste eine Antwort auf die Frage: Was kommt nach Francisco Franco? Dass das Land zur Demokratie zurückkehren würde, war nach dem Tod des 82-jährigen Diktators vor 40 Jahren keineswegs sicher.

Im Gegenteil: Der «Führer von Gottes Gnaden», wie Franco sich auf den Münzen titulieren ließ, war zu Lebzeiten davon ausgegangen, «alles gut festgezurrt» und den Fortbestand seines Regimes sichergestellt zu haben. Der von ihm als Nachfolger auserkorene Prinz Juan Carlos sollte als König so herrschen, wie der Diktator es getan hatte. Aber der Generalísimo sollte sich irren.

Der junge Monarch, der zwei Tage nach Francos Tod zum König gekrönt wurde, wusste, dass eine Diktatur nicht mehr in die Zeit passte. Er ebnete den Weg zu einer allmählichen «transición» (Übergang) zur Demokratie. «Mir war von Anfang an klar, dass Spanien eine demokratische Monarchie erhalten würde», erinnerte sich Juan Carlos später. «Ich wusste nur nicht, wie.»

40 Jahre nach Francos Tod erinnert in Spanien kaum noch etwas an die jahrzehntelange Diktatur. Die Statuen des Diktators sind verschwunden; rechtsradikale Organisationen spielen in der Politik keine Rolle; für die jungen Spanier ist die Diktatur nur noch eine Lektion des Geschichtsunterrichts. Dennoch tut sich Spanien mit der Aufarbeitung der Vergangenheit schwer. «Viele Wunden sind noch nicht verheilt», sagte der britische Historiker und Spanienexperte Paul Preston der Zeitung «El Mundo». «Daran haben weder der Lauf der Zeit noch die Rückkehr des Landes zur Demokratie etwas geändert.»

Die konservative Volkspartei des heutigen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy sträubt sich dagegen, die Diktatur offiziell zu verurteilen. Sie will über das Franco-Regime am liebsten nicht sprechen, weil sie – wie es heißt – alte Wunden nicht aufreißen möchte. Die vorige Regierung der Sozialisten scheiterte mit dem Vorhaben, das gigantische Mausoleum mit Francos Grabstätte in den Bergen westlich von Madrid in eine Gedenkstätte für die Kriegsopfer umzuwandeln.

Kein Politiker und kein Militär des Franco-Regimes wurde von der Justiz für die Verbrechen der Diktatur zur Rechenschaft gezogen. Der Richter Baltasar Garzón, der Ermittlungen einleitete, wurde wegen Überschreitung seiner Kompetenzen mit einem Berufsverbot belegt. Noch heute sind in spanischen Städten viele Straßen nach Vertretern des Regimes benannt.

Franco war durch den Bürgerkrieg (1936-1939) an die Macht gekommen, den er mit einer Militärrevolte ausgelöst hatte. Nach dem Sieg seiner Truppen, die vom deutschen Nazi-Regime unterstützt wurden, ließ er Zehntausende Regimegegner hinrichten. In einer Studie, die zum 40. Todestag des Diktators erschien, vertritt der Historiker Angel Viñas die Ansicht, dass der Generalísimo sich im Bürgerkrieg schamlos bereichert habe.

«Franco hatte zu Beginn nichts besessen und war am Ende des Kriegs ein Millionär», meint der Wissenschaftler. Carmen Franco Polo, die einzige Tochter des Diktators, weist dies zurück. «Mein Vater war sehr religiös», sagte die 89-Jährige «El Mundo». «Für Geld hatte er sich nie interessiert.»

Nach dem Ende der Diktatur breitete sich in Spanien eine Aufbruchstimmung aus. Diese schlug jedoch bald in bittere Enttäuschung um. Heute sind die Politiker in Spanien nach Umfragen so unbeliebt wie in kaum einem anderen Land in Europa. Dies gilt nicht nur für die Mitglieder der Regierung, sondern auch für die Führer der Opposition. Von dieser Enttäuschung profitierende neue Parteien wie die liberalen Ciudadanos (Bürger) oder die Linkspartei Podemos (Wir können). Sie dürften nach den Parlamentswahlen am 20. Dezember neben den Konservativen und Sozialisten eine wichtige Rolle spielen.