Angst vor Anschlag: Libanons Ex-Premier will Heimat vorerst meiden

Die Angst vor einem Attentat hat den libanesischen Regierungschef Hariri aus dem Amt und aus der Heimat vertrieben. Schwere Vorwürfe richtet er gegen den Iran. Dem instabilen Libanon könnten wieder unruhige Zeiten bevorstehen.

Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri will nach seinem überraschenden Rücktritt aus Angst um sein Leben vorerst nicht in die Heimat zurückkehren. «Die Sicherheitslage ist einer der Hauptgründe, die den Premier bis auf Weiteres vom Libanon fernhalten werden», sagte eine dem Ex-Premier nahestehende Quelle der Deutschen Presse-Agentur am Samstag. Hariri werde nun erst einmal in andere arabische Länder reisen, um dort die Situation im Libanon zu besprechen.

Der staatlichen Nachrichtenagentur NNA zufolge hielt Hariri seine Rücktrittsansprache am Samstag nicht in Beirut, sondern bei einem Besuch in Saudi-Arabien. Der Sunnit steht Riad nahe, das wiederum mit dem schiitischen Iran verfeindet ist. In seiner TV-Ansprache hatte der 47-Jährige Politiker die einflussreiche Schiitenmiliz Hisbollah sowie deren Schutzmacht Iran angegriffen. Er fürchte, Opfer eines Anschlages zu werden, sagte Hariri. «Ich habe gefühlt, was heimlich ausgeheckt wird, um auf mein Leben zu zielen», sagte er während der Fernsehansprache.

Der Iran wies die Vorwürfe zurück. «Solche Unterstellungen, die zuvor auch von den USA, von Zionisten (Israel) und Saudis gegen den Iran gemacht worden sind, führen nur zu weiteren Spannungen», sagte Außenamtssprecher Bahram Ghassem. Die Region brauche weniger solche «grundlosen Szenarien» und mehr konstruktive Zusammenarbeit, um die Terrormiliz Islamischer Staat endgültig zu besiegen, sagte Ghassemi.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu nannte die Äußerungen Hariris einen «Weckruf» für die internationale Gemeinschaft. Der iranischen Aggression müsse endlich Einhalt geboten werden, sagte er. Der Iran bedrohe nicht nur Israel, sondern den ganzen Nahen Osten, teilte sein Büro mit.

Frankreich rief die Verantwortlichen im Libanon zur Kompromissbereitschaft auf. Es sei «im Interesse aller», dass der Libanon nicht in eine neue Phase der Instabilität gerate, teilte die Sprecherin des französischen Außenministeriums in Paris mit. Frankreich hat als frühere Mandatsmacht besonders enge Beziehungen zu Beirut.

Der arabische Fersensehsender Al-Arabija berichtete am Samstag unter Berufung auf ungenannte Quellen, in den vergangenen Tagen habe es bereits einen Anschlagsversuch auf Hariri in der Hauptstadt Beirut gegeben. Der Libanon befindet sich in einer ähnlichen Situation wie 2005, als Hariris Vater, der ehemalige Ministerpräsident, Geschäftsmann und Multimillionär Rafik Hariri, bei einem Bombenattentat in Beirut getötet worden war. Verdächtigt werden der syrische Geheimdienst und die Hisbollah.

Der Regierungschef attackierte die Hisbollah sowie deren Schutzmacht Iran und warf ihnen vor, Unruhen in der Region zu schüren: «Die Hisbollah ist der Arm des Irans, nicht nur im Libanon, sondern auch in anderen arabischen Ländern». Der Iran und seine Gefolgsleute seien Verlierer. Die Hände, die arabischen Ländern schadeten, würden abgeschnitten, drohte Hariri.

Die radikalislamische Hisbollah (Partei Gottes) entstand 1982 mit iranischer Unterstützung als Antwort auf die israelische Invasion im Libanon. Seitdem kämpft sie politisch, aber auch mit Gewalt gegen Israel und für die Errichtung einer «Herrschaft des Islams».

Die schiitische Partei gilt mittlerweile als eine der stärksten politischen Kräfte im multikonfessionellen Libanon – auch Präsident Michel Aoun ist eng mit der Organisation verbandelt. Die Finanzierung soll hauptsächlich aus Teheran kommen.