Astronaut und Abenteurer: Reinhard Furrer wäre 75 geworden

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Von Gisela Gross, dpa

Mehr als 100 Mal umkreiste er an Bord der US-Raumfährte «Challenger» die Erde: Der Physiker Reinhard Furrer war einer der ersten Deutschen im All. Sein früher Tod schockte viele.

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Berlin (dpa) – Erst verhalf er in Tunneln DDR-Bürgern zur Flucht, später ging es für ihn immer wieder hoch hinaus: Der Physiker und Astronaut Reinhard Furrer war einer der ersten Deutschen im All. Er kam 1995 im Alter von 54 Jahren bei einem Flugzeugabsturz im Anschluss an eine Flugschau ums Leben. Am 25. November wäre der gebürtige Österreicher und Wahl-Berliner 75 Jahre alt geworden.

Selbstsicheres Lachen, Bart, Fliegerjacke oder Astronautenoverall: Es sind solche Bilder Reinhard Furrers, die in den 80er und 90er Jahren ganz Deutschland kennt. Beruflich war er an Bord der US-Raumfähre «Challenger». Privat brach er in einmotorigen Maschinen zu Flügen über den Atlantik auf, nach Grönland oder Ecuador. Segeln, Tauchen, Kunst und vieles mehr begeisterte ihn.

«Er war eine außergewöhnliche, selbstbewusste Person», sagte sein einstiger Astronauten-Kollege Ernst Messerschmid der Deutschen Presse-Agentur, «ungeduldig manchmal, mit klaren Vorgaben an sich und andere.» Obwohl die beiden als Anwärter auf die US-Mission zunächst Konkurrenten waren, seien sie auch später während ihrer Zeit als Universitätsprofessoren freundschaftlich verbunden geblieben.

Furrer habe «eine unwahrscheinliche Energie gehabt hat, Dinge in Bewegung zu setzen», schreibt Mit-Astronaut Wubbo J. Ockels in einem kurz nach Furrers Tod erschienenen Buch. So auch am Tag des tödlichen Unfalls mit einer historischen Maschine: Eine Flugschau bei Berlin war gerade vorüber. Furrer, fasziniert vom Oldtimer, kam mit dem Piloten ins Gespräch. Spontan hoben sie ab. Augenzeugen berichteten von einem «gewagten» Manöver vor dem Absturz. Ursache war ein Fehler des Piloten – Furrer saß den Ermittlungen zufolge nicht am Steuer.

Nach dem Unglück war in Zeitungen von Furrers angeblicher Liebe zum Risiko zu lesen. Weggefährten beschreiben ihn als abenteuerlustig, aber besonnen: «Er hat Grenzen gesucht», sagt etwa Jürgen Fischer, von 1991 an Furrers Kollege am Institut für  Weltraumwissenschaften der Freien Universität (FU) Berlin. Die Grenzen suchen, das gilt auch im doppelten Wortsinn: Denn Furrer war im geteilten Berlin in den 60er und 70er Jahren als Fluchthelfer aktiv.

Er war einer jener Studenten, die etwa Verstecke in Autos einbauten, um DDR-Bürger über die Grenze zu bringen – mit Erfolg. Bis Anfang Oktober 1964, als in Berlin 57 Menschen durch einen Tunnel krochen. Helfer wurden ertappt, der DDR-Grenzsoldat Egon Schultz durch Schüsse tödlich getroffen. Als Tat von West-Agenten stellte die DDR-Führung den Vorfall dar, Kritik an den Schleusern kam auch aus dem Westen. Furrer beendete damit sein Engagement – als Narr habe er sich gefühlt, im Kampf gegen den eigenen Staat, wie er später sagte.

«Fluchthilfe war damals nicht opportun», erläutert Messerschmid. Das habe Furrer noch lange belastet. Ein Störfaktor auf dem Weg ins All sei diese Vergangenheit für Furrer gewesen – zu Fall brachte sie ihn aber nicht. Er und Messerschmid starten Ende Oktober 1985 zu der Mission. Vor ihnen waren aus Deutschland nur Sigmund Jähn und Ulf Merbold im Weltraum gewesen. Über die Schwerelosigkeit schrieb Furrer: «Ich bin jemand, der sich selbst nicht mehr fühlt. […] Übrig bleibt, daß ich denken und daß ich sehen kann. Alles andere bin nicht mehr ich.»

Zurück auf der Erde ging es mit der Karriere bergauf: 1987 wurde Furrer Professor für Weltraumtechnologie an der FU. Sein letztes Projekt, eine Zulieferung für die Raumstation MIR, habe er aber nicht mehr beenden können, sagte Fischer. Ein auf Initiative Furrers angeschafftes und persönlich überführtes Messflugzeug sei dagegen bis heute an der Uni im Einsatz: Mit ihm werde zum Beispiel die Helligkeit des Berliner Nachthimmels gemessen.

Auch mit dem Kapitel Fluchthilfe konnte Furrer abschließen: Aus den Stasi-Akten ging hervor, dass der Grenzer in Wahrheit von einer Kugel aus dem Lauf eines Kollegen getroffen worden war – die Helfer wurden rehabilitiert. Messerschmid erinnert sich an einen Flug mit Furrer nach dem Mauerfall über das Gebiet der ehemaligen DDR: «Da fing er plötzlich jungenhaft an zu lachen», sagt Messerschmid. Der Ballast sei endlich von seinem Kollegen abgefallen.

Wenige Wochen vor seinem Tod sagte Furrer einer Journalistin: «Es ist schon komisch. Wir waren die letzte Crew, die mit der Challenger flog. Beim nächsten Start explodierte sie mit sieben Astronauten an Bord. […] Das hätten genauso wir sein können.»