Das Ende der Karibik-Gletscher

Von Rodrigo Ruiz Tovar, dpa

Während die Weltklimakonferenz in Bonn im Kampf gegen die Erderwärmung Auswege sucht, schmelzen die Gletscher in Kolumbien weltweit mit am schnellsten – darunter auch der einzige in der Karibik.

Es gibt kolumbianische Geschichtsbücher, die an die Schneeberge des Landes erinnern. 15 sollen es gewesen sein, die noch vor 150 Jahren das Bild des Landes prägten, einige von ihnen umgeben von tropischem Regenwald. Doch das ist fast vergessen, denn bei den meisten ist der Schnee längst geschmolzen. Nur sechs Berge sind noch immer weiß bedeckt. Auch das könnte bald passé sein: Die Gletscher hier gelten mit als die am schnellsten schmelzenden weltweit.

Das kolumbianische Institut für Hydrologie, Meteorologie und Umwelt (Ideam) hat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Demnach dürften bei gleichbleibender Geschwindigkeit der Schmelze in drei Jahrzehnten alle Gletscher Kolumbiens verschwunden sein. Allein in den vergangenen 50 Jahren sollen nach Berechnungen des Ideam 63 Prozent der Schneekuppenpracht verschwunden sein.

Erklärtes Ziel der Weltgemeinschaft ist es, die Erwärmung weltweit auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen – doch der Treibhausgasausstoß erreicht auch 2017 neue Rekorde, so dass dies schwer zu schaffen ist. Daher geht es bei der derzeitigen UN-Klimakonferenz in Bonn auch darum, wie die Staaten mehr tun können, um die Effekte abzumildern.

Bei einer Welt mit drei Grad Erwärmung zum Beispiel müsste sich Rio de Janeiro von seinen Stränden an der Copacabana verabschieden – ganz zu schweigen von all den bedrohten Inselstaaten in den Ozeanen, todbringenden Hurrikans und unkalkulierbaren Risiken auch in Europa. Und das knappe Gut Wasser würde auch in Kolumbien wohl noch knapper.

Am deutlichsten wird die Gefahr für Kolumbiens Gletscher am Fall der Bergkette Sierra Nevada de Santa Marta im Norden des Landes. Hier liegen die einzigen schneebedeckten Gipfel der Karibik. Noch. Die Gletscherschmelze beeinflusst das Landschaftsbild, den Tourismus und die indigenen Völker der Kogi, Arhuacos, Wiwas und Kankuamos, die die dortigen Täler seit Urzeiten bewohnen.

Noch vor 50 Jahren hatte die Sierra Nevada de Santa Marta eine Eisdecke von 83 Quadratkilometern Fläche – heute sind davon nach Ideam-Daten nur 6,7 Quadratkilometer übrig, verteilt auf 38 Fragmente. «Insgesamt sind 92 Prozent des Schnees auf der Sierra Nevada de Santa Marta verschwunden», sagt Ideam-Direktor Omar Franco. Die Bergkette sei damit diejenige, bei der die Eisschmelze in den vergangenen Jahren am stärksten ausgeprägt war.

Die von der Ideam ausgewerteten Satellitenbilder zeigen deutlich die Entwicklung. Wenn die Eisschmelze im bisherigen Ausmaß voranschreitet und jährlich zwischen drei und fünf Prozent ausmacht, werden alle Eiskuppen Kolumbiens Hochrechnungen zufolge in 30 Jahren abgeschmolzen sein. «Die Berge spiegeln den Klimawandel wider und sind ein Thermometer, das beweist, dass sich die Atmosphäre aufwärmt.»

Kolumbiens radikale landschaftliche Veränderung war für Präsident Juan Manuel Santos Anlass, als einer der ersten Staatschefs weltweit im Sommer den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Klimaabkommen von Paris zu kritisieren. «Hier steht nichts weniger als das Überleben der Menschheit, des Planeten, auf dem Spiel. Wenn wir den Temperaturanstieg des Planeten nicht aufhalten, wird das uns alle negativ beeinflussen», so Santos. «Kolumbien ist ein Land mit zwei Ozeanen. Wenn der Meeresspiegel stark ansteigt, wird das auch unsere Küsten komplett verändern.»

Das Institut Ideam ist mit anderen Organisationen in Ecuador und Venezuela in Kontakt, die die Folgen der Erwärmung auf die dortigen Gletscher erforschen. Auch bei ihnen ist die Lage kritisch. Jüngst berichtete die britische Wochenzeitung «The Economist» von der raschen Veränderung in Venezuela: Während es 1991 fünf schneebedeckte Berge entlang der Bergkette der Sierra Nevada de Mérida im Nordosten des Landes gab, ist demnach heute nur noch der Pico Humboldt auf einer Fläche von zehn Fußballfeldern weiß gezuckert.

Bei gleichbleibender Schmelze rechnen die Wissenschaftler damit, dass Venezuela in 10 bis 20 Jahren das erste Land sein könnte, dass in der kurzen Zeit seit Beginn der Satellitenaufzeichnungen alle Gletscher verloren hat.