David gegen Goliath! Frau kämpft gegen Pharmariesen

antibabypilleEine junge Frau kämpft vor Gericht gegen den Pharmakonzern Bayer. Dessen Anti-Baby-Pille habe sie fast getötet, meint die frühere Tierärztin. Der Prozess könnte Jahre dauern.

Felicitas Rohrer ist entschlossen, aber besonnen – und nicht verbittert. Die 31-Jährige klagt vor dem Landgericht im baden-württembergischen Waldshut-Tiengen gegen den börsennotierten Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer – ein mächtiger Gegner. Die von dem Unternehmen vertriebene Anti-Baby-Pille «Yasminelle» soll verantwortlich sein dafür, dass Rohrer nach monatelanger Einnahme des Verhütungsmittels beinahe starb. 2009 war das. Die Folgen spürt die frühere Tierärztin, die ihren Beruf nicht mehr ausüben kann, nach Gerichtsangaben bis heute.

Mit ihrem Vorgehen gegen den Riesen aus Leverkusen sieht sie sich stellvertretend für viele Frauen. Doch der Zivilrechtsprozess vor dem Landgericht, der am Donnerstag begann, könnte Jahre dauern. Die junge Frau aus Willstätt in Baden-Württemberg ist zum Gesicht geworden für einen schwierigen Kampf gegen den umstrittenen Wirkstoff Drospirenon. Dieser ist in vielen Medikamenten enthalten, auch in der millionenfach eingenommenen Anti-Baby-Pille «Yasminelle». Das Präparat ist zugelassen in Deutschland.

Das Problem: Drospirenon kann Thrombose verursachen, das Risiko ist laut Experten höher als bei früheren Pillen mit anderen Wirkstoffen. Rohrer nahm das Mittel zur Schwangerschaftsverhütung im Oktober 2008 erstmals ein. Im Juni 2009 kam der Kollaps: Rohrer brach zusammen und das Herz hörte auf zu schlagen. Die junge Frau, damals 25 Jahre alt, war klinisch tot.

Nur durch eine mehrstündige Notoperation konnte ihr Leben gerettet werden. Sie ist überzeugt, dass Drospirenon ihr Leid verursacht hat. «Yasminelle» sei damals als Lifestyle-Produkt vermarktet worden, erinnert sie sich vor Gericht. Eine harmlose Pille mit Schminkset und farbiger Broschüre. Dass Thrombose und damit Lebensgefahr droht, sei damals verschwiegen worden vom Hersteller.

Formal kämpft sie um mindestens 200 000 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld. Aber um Geld gehe es ihr nicht, sagt Rohrer: «Ich will Gerechtigkeit.» In den USA hat sich Bayer mit rund 9000 Frauen außergerichtlich geeinigt und den Angaben zufolge 1,9 Milliarden US-Dollar gezahlt – ohne jedoch juristisch eine Verantwortung anzuerkennen.

«Dieser Prozess hat eine elementar menschliche Seite», sagt der Vorsitzende Richter Johannes Daun, dem Rohrer in dem Gerichtssaal der Kleinstadt gegenübersitzt: «Die Klägerin hat Schlimmstes erlitten.» Das bestreitet auch Bayer nicht. Die Frage ist aber: Lag es allein an den Inhaltsstoffen der Pille, an möglicherweise fehlenden Warnhinweisen oder an mutmaßlichen Entwicklungsfehlern? Oder ignorierte Rohrer die Warnungen? Oder beriet ihr Arzt sie falsch?

Das Gericht sucht nun Beweise, will Sachverständige hinzuziehen. Bereits im Juni 2011 hat Rohrer Klage eingereicht, seither beschäftigt sich die Justiz mit dem Fall im Schriftverkehr. Doch zum direkten Aufeinandertreffen der Kontrahenten im Gerichtssaal kommt es erst jetzt. Richter Daun stellt sich auf ein langes Verfahren ein. Das sei Neuland für sein Haus, das sonst vor allem mit Erbstreitigkeiten zu tun hat. «Wir haben keine Erfahrung mit solchen Prozessen», sagt er.

Ein Prozess mit Gutachtern und Sachverständigen gilt als schwierig und langwierig. «Es ist ein Berg, der vor uns liegt», meint der Rechtsanwalt von Bayer, Henning Moelle, mit Blick auf das Verfahren. Die Hinweise auf Thrombose-Gefahr durch Drospirenon finden sich inzwischen im Beipackzettel. Doch für Rohrer kommt es zu spät. Sie schildert, dass sie bis heute blutverdünnende Medikamente nehmen müsse und keine Kinder mehr bekommen könne.

Die Baden-Württembergerin hat eine Selbsthilfegruppe gegründet, der nach ihren Angaben in Deutschland rund 300 Frauen angehören. «Ich will, dass diese Pille vom Markt genommen wird», sagt sie: «Damit keine andere Frau das erleiden muss, was ich erlitten habe.»