Deutsche Bank räumt mit alten Seilschaften auf

John Cryan lässt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit. Nach der Bilanz räumt der neue Chef der Deutschen Bank nun im Top-Management auf. Doch die entscheidende Zukunftsfrage bleibt noch unbeantwortet.

So etwas hat die Deutsche Bank seit Jahrzehnten nicht erlebt: In geradezu atemberaubendem Tempo treibt John Cryan den Umbau von Deutschlands größtem Geldhaus voran. Erst vor wenigen Tagen war die Bilanz mit milliardenschweren Abschreibungen dran, jetzt ist es das Top-Management mit altgedienten Führungskräften. Schon in gut einer Woche wird der nächste Einschnitt erwartet. Dann dürfte es die breite Belegschaft treffen. Es wird spekuliert, dass rund 10 000 Arbeitsplätze zusätzlich zur Postbank-Abspaltung wegfallen könnten.

Die Öffentlichkeit hat Cryan seit seinem Amtsantritt im Juli gemieden. Einmal äußerte er sich im Sommer vor Analysten, dabei schwor der 54-Jährige die Mitarbeiter auf harte Zeiten ein. Ansonsten hat er die Bank durchleuchtet. Jetzt präsentiert der Brite Schritt für Schritt das Ergebnis seiner umfangreichen Analyse.

Dabei hat Cryan einen großen Vorteil. Er kam erst 2013 zur Deutschen Bank – zunächst als Aufsichtsrat. Damit ist er frei von alten Seilschaften und kann durchgreifen. Dabei bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. «Eine derartig grundlegende Reorganisation hat es selten zuvor in der Geschichte der Deutschen Bank gegeben», sagt Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Er hatte Cryan im Sommer zum Nachfolger des als zu zögerlich kritisierten Co-Vorstandschefs Anshu Jain gemacht.

Der Umbau werde nicht ohne Härte ablaufen, sagt Achleitner. Deutlich zu spüren bekommen das die Investmentbanker. Sie galten lange als die Gewinnbringer der Bank. Selbst als immer mehr Skandale nach der Finanzkrise bekannt wurden, hielt das Institut anders als viele Konkurrenten an dem schwankungsanfälligen Geschäft fest. Immer getrieben von der Hoffnung, dass die Durststrecke irgendwann ein Ende findet und die Deutsche Bank dann vom Rückzug der Rivalen profitieren kann.

Damit macht Cryan nun Schluss. Er legt die Axt ans Erbe seines Vorgängers Jain und spaltet das mächtige Investmentbanking auf. Die Unternehmensfinanzierung wird mit dem Zahlungsverkehrsgeschäft zusammengefügt und vom Wertpapiergeschäft getrennt. Gerade im Handel mit Aktien, Anleihen und Devisen dürfte die Deutsche Bank in der kommenden Woche bei der Vorstellung der Details ihrer Neuausrichtung die größten Einschnitte vornehmen. Cryan folgt damit der Erkenntnis, dass sich viele Geschäfte angesichts der immer strengeren Anforderungen der Finanzaufsichtsbehörden auch langfristig nicht mehr lohnen.

Künftig soll es für jeden Geschäftsbereich einen Vertreter im Vorstand geben. Das schafft klare Verantwortlichkeiten. Aufgelöst wird der sogenannte erweiterte Vorstand, der von Josef Ackermann vor mehr als zehn Jahren ins Leben gerufen wurde. Dieses Gremium galt als eigentliches Machtzentrum der Bank. Zugleich entzog es sich weitgehend dem Zugriff der Finanzaufsicht Bafin. Diese kann nur Mitglieder des direkten Vorstands abberufen.

Unter Jains Führung war das Gremium auf 18 Mitglieder angeschwollen. Darunter waren zahlreiche Getreue, weithin bekannt als Anshus Army. Unter anderem verlassen nun Colin Fan und Michele Faisolla die Bank. Aus dem eigentlichen Vorstand scheiden Stefan Krause, Stephan Leithner und Henry Ritchotte aus. Drei Manager, die von der Bafin im Zusammenhang mit der Libor-Affäre um manipulierte Zinssätze scharf kritisiert worden waren.

Stattdessen ziehen sechs Neue in den Vorstand – darunter künftig zwei Frauen. Cryan macht klar, dass er mit möglichst unbelasteten Führungskräften den Neuanfang der Bank angehen will. Es ist ein weiteres Zeichen, dass er es ernst meint mit dem Umbau. An der Börse schafft er so Vertrauen. Händler, Analysten und Kommentatoren loben fast unisono die Schritte.

Doch die eigentliche Nagelprobe steht Cryan noch bevor. Denn unklar ist bislang, wo die Bank jenseits der Sparanstrengungen künftig wachsen will. Es wird eine Herkulesaufgabe.