Dromedar auf dem Teller: Rettung oder Ende der Wüstenschiffe?

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Von Zia Khan und Doreen Fiedler, dpa

Unzählige Touristen lassen sich jedes Jahr von Dromedaren durch die Thar-Wüste in Indien schaukeln. Doch die Zahl der einhöckrigen Kamele geht drastisch zurück. Die indische Regierung meint: Schuld sind die Fleischesser.

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Dromedare, die einst zu Hunderttausenden durch den Sand im Nordwesten Indiens trotteten, verschwinden aus den Wüsten und Steppen. Der Bundesstaat Rajasthan erklärte das einhöckrige Kamel im vergangenen Jahr in einem Rettungsversuch zum Symboltier des Staates – doch es half nichts. Die Zahl der Dromedare sinkt und sinkt, von einst über 750 000 auf heute – je nach Quelle – zwischen 50 000 und rund 300 000.

Beim Volksfest in Pushkar beklagten die Menschen in dieser Woche den Niedergang eines der größten Nutztier-Märkte der Welt. «Es herrscht eine bedrückende Stimmung», sagt Himanshu Verma. Der Kunst-Kurator fährt jedes Jahr aus der Hauptstadt nach Pushkar, um die Folklore-Lieder der Kamelhirten zu hören und mit den Männern mit den Turbanen rund um Lagerfeuer zu sitzen.

Insgesamt 5215 Kamele wurden nach offiziellen Angaben in diesem Jahr nach Pushkar gebracht, 1863 davon wurden verkauft. «Es werden jedes Jahr weniger», sagt Ratan Lal Tunwar von der zuständigen Tourismusbehörde in Ajmer. Sein Kollege Virendra Gandhi, beigeordneter Sekretär der Viehzuchtbehörde, nennt Gründe für das Verschwinden der Wüstenschiffe: die Einführung von Traktoren in der Landwirtschaft, mehr Autos statt Kamelkarren auf den Straßen.

Zahlreiche Inder – von denen sich die Mehrheit überwiegend vegetarisch ernährt – haben weitere Schuldige ausgemacht: die Fleischesser. «Viele Kamele werden geschlachtet. Vor allem während des (islamischen) Festes Eid greift das wild um sich», sagt Shweta Sood vom Tierschutzverbund Fiapo. Derzeit nehmen die Ressentiments der hinduistischen Mehrheit gegen die muslimische Minderheit in Indien zu.

Auch Ministerin Maneka Gandhi von der hindu-nationalistischen Partei BJP gibt in einem Gastbeitrag für die Zeitung «The Hindu» implizit den Muslimen die Schuld. Der «Stolz Rajasthans» werde illegal aus dem Bundesstaat herausgeschmuggelt, unter anderem in den einstigen muslimischen Fürstenstaat Hyderabad sowie nach Bangladesch. «Heute sind es die Kamele, morgen ist es vielleicht modern, Tiger zu töten», fügt sie aufstachelnd hinzu.

Auf der anderen Seite der Grenze, beim Erzfeind Pakistan, steigt die Zahl der Kamele hingegen. Der Grund dafür, meint der Viehzucht-Beauftragte der Regierung in Islamabad, sei genau jener Fleischkonsum, den die Inder verteufeln. «Die Tiere bei uns sind wild, deswegen gilt ihr Fleisch als lecker und gesund. Das gefällt wohlhabenden Arabern», sagt Qurban Ali. Die pakistanischen Hirten bekämen von den Käufern im Nahen Osten gute Preise, und vergrößerten deswegen ihre Herden.

Außerdem wachse auch in Pakistan die Mittelschicht, die sich an wichtigen Festtagen wie Eid ein großes Opfertier wünsche. Die Regierung unterstütze die Kamelindustrie seit 2013 durch den Aufbau moderner Fleischverarbeitungsanlagen, sagt Asghar Ramey, Direktor der Viehzuchtbehörde in der pakistanischen Provinz Punjab, in der die Wüste Cholistan liegt. Außerdem sei dort ein Forschungsinstitut für Kamelzucht aufgebaut worden.

In Indien hingegen würden den Hirten die Weiderechte weggenommen, sagt die deutsche Veterinärmedizinerin Ilse Köhler-Rollefson, die sich seit Jahrzehnten für die Kamelzucht auf dem Subkontinent einsetzt. «Es geht dabei nicht um private Grundstücke, sondern um Flächen, die früher im Gemeinbesitz waren. Die indische Forstverwaltung hat sich mittlerweile viele Flächen angeeignet», sagt sie.

Die von Köhler-Rollefson mitgegründete Organisation Lokhit Pashu-Palak Sansthan (LPPS) macht sich dafür stark, neue Einkommensmodelle für die Kamelhirten zu entwickeln. «Derzeit sind die kommerziellen Nutzungsmöglichkeiten des Kamels mit Verboten extrem eingeschränkt», beklagt die Deutsche. LPPS helfe den Hirten, Milch der Kamele nach Delhi, Mumbai und Bangalore zu verkaufen. Bislang aber nur in kleinen Mengen, denn: Die Vermarktung der Milch ist illegal.

Stattdessen gibt es ein neues Gesetz: Kamele sollen so stark unter Schutz gestellt werden wie die in Indien heilige Kuh. Wer ein Dromedar schlachtet, muss dann bis zu fünf Jahre ins Gefängnis.

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