Ein Branchenstar außer Diensten auf der Anklagebank

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Von Wolf von Dewitz, dpa

Wendelin Wiedeking machte aus dem nahezu bankrotten Sportwagenbauer Porsche das profitabelste Autounternehmen der Welt. Das genügte ihm nicht – er griff nach dem Branchenriesen VW. Dabei verbrannte sich Wiedeking die Finger. Ein Prozess gibt spannende Einblicke.

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Es sieht nicht nach Totalschaden aus für den früheren Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Etwa ein Drittel des Mammutprozesses wegen Marktmanipulation gegen ihn ist vorbei – und die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft haben sich bisher nicht erhärtet. Wiedeking wirkt gelassen. Abgeschirmt von seinen Verteidigern sitzt der 63-Jährige schweigend da. Einer von ihnen, Hanns Feigen, stand bereits Fußball-Ikone Uli Hoeneß in dessen Steuerprozess zur Seite.

Seit etwa einem Monat muss Wiedeking immer wieder auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts Platz nehmen. Gemeinsam mit dem mitangeklagten damaligen Porsche-Finanzchef Holger Härter soll er 2008 beim Versuch, beim Branchenriesen VW das Steuer zu übernehmen, mit gezinkten Karten gespielt haben. Die beiden bestreiten das vehement. Sie hätten sich nichts vorzuwerfen, sagen sie unisono.

Nur beim Prozessauftakt hat der mit einst 100,6 Millionen Euro Jahressalär bestverdienende angestellte deutsche Manager ausgiebig Stellung genommen und – ohne Selbstkritik, wie Beobachter kritisieren – erläutert, warum seine Weste blütenweiß ist. «Die These, es sei manipuliert worden, ist abwegig.» Und weiter: «Wir waren Visionäre, aber wir waren keine Spieler.»

Nach Expertenmeinung ist es wahrscheinlich, dass der einstige Branchenstar in der Tat juristisch unbeschadet aus der Sache herauskommt. «Schlagende Argumente» seien nötig, um die Schuld in der komplexen Sachlage nachzuweisen, sagt beispielsweise der Frankfurter Juraprofessor Matthias Jahn. «Diese kann ich derzeit nicht einmal in Umrissen erkennen.» Das mögliche Strafmaß – fünf Jahre Freiheitsstrafe oder eine hohe Geldbuße – wirkt wie reine Theorie.

Spannend ist der Gerichtsprozess dennoch. Er ist eine Art Zeitreise in den damaligen Übernahmekrimi zwischen dem relativ kleinen Sportwagenbauer Porsche und dem riesigen Volkswagen-Konzern, eine Art David gegen Goliath der Autobranche.

Das Übernahmevorhaben scheiterte – Porsche nahm bei der schrittweisen Aufstockung seiner VW-Anteile immense Schulden auf und brach daran auch wegen der Finanzkrise fast zusammen. VW drehte den Spieß um und machte den Sportwagenbauer zu seiner Tochterfirma.

Wobei – ging die Sache tatsächlich schief? Wiedeking stellte das beim Prozessauftakt infrage, er wies darauf hin, dass die Dachgesellschaft Porsche SE doch die Mehrheit an Volkswagen halte. Das stimmt, der Anteil liegt bei etwa 51 Prozent, also nicht bei den ursprünglich angepeilten 75 Prozent. Und die Porsche SE ist eine reine Beteiligungsgesellschaft. Das eigentliche Juwel, die Sportwagen-Produktion, musste abgegeben werden an VW.

Das Verfahren bietet zudem ungewöhnliche Einblicke in das Innenleben von Porsche. So berichten Zeugen von der glühenden Antipathie zwischen VW-Patriarch Ferdinand Piëch und Porsche-Lenker Wiedeking. Piëch sträubte sich heftig gegen die Porsche-Pläne zur VW-Beherrschung. «Herr Piëch, Sie lügen», habe Wiedeking Piëch bei einem Gesellschaftertreffen angefahren, berichtete ein Zeuge.

Als Porsche 2005 bei VW einstieg, hieß der Beteiligungsplan zunächst leicht pathetisch «Projekt Deutschland». «Den Namen habe ich nicht ausgesucht», sagt ein anderer Zeuge in einem Tonfall, als bitte er um Entschuldigung.

In internen Papieren war damals die Rede von Paris, Venedig und Norwegen – Codes für Porsche, Volkswagen und das Land Niedersachsen als wichtigem VW-Aktionär. Andere VW-Übernahmemodelle hießen «Blitz» oder «Shuffle». Warum denn diese Geheimniskrämerei? «Codenamen sind in internen Dokumenten ganz normal», sagt ein Anwalt im Zeugenstand, der den Beteiligungsaufbau als externer Rechtsberater begleitet hat. Das sei insofern sinnvoll, «damit die Putzfrau, wenn Dokumente rumliegen, sie nicht versteht».

Wiedeking wird wohl noch bis Februar an fast 20 Tagen auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, so zumindest der Plan. Der bullige Manager will sich selbst nicht zum Prozessverlauf äußern. Nach einer ausgiebigen Vorstellung eines komplexen Gutachtens, das Wiedeking entlastete, wurde er gefragt, ob ihm die Expertise klar geworden sei. Augenzwinkernd antwortete er: «Mir ist unklar, warum ich überhaupt hier bin.»