Forscher sind sich sicher: «German Angst» wird Lebensstil nicht ändern

(c) dpa

Terrorangst, Flüchtlingszustrom und Finanzkrisen haben die Deutschen verunsichert, glaubt Zukunftsforscher Opaschowski. Aber nicht für lange Zeit. Schon im Frühjahr werden sie wieder so viele Reisen wie jedes Jahr buchen.

(c) dpa
(c) dpa

«Einigkeit und Recht und Sicherheit» – so könnte nach Worten von Zukunftsforscher Horst Opaschowski der Text der Nationalhymne künftig lauten. Terroranschläge und der Zustrom von Hunderttausenden Flüchtlingen haben die Deutschen verunsichert, sagt er unter Berufung auf eine repräsentative Studie. «Die „German Angst“ kommt wieder», lautete erst kürzlich sein Fazit. Statt Freiheit suchten die Menschen Sicherheit, vor allem in der Familie.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigten, dass die Ehen wieder stabiler werden und die Scheidungsrate sinkt. Alle Studien der jüngsten Zeit belegten, dass die Familienorientierung ganz oben steht. Singles setzten auf den Freundeskreis und bildeten «Wahlverwandtschaften». «Wenn sich Angst ausbreitet, rücken die Menschen zusammen», sagt Opaschowski. In Notzeiten sei das immer so gewesen.

Die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Es gebe eine «Renaissance der menschlichen Nähe», erklärt der Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung, Prof. Ulrich Reinhardt. Fast neun von zehn Bundesbürgern seien der Ansicht: «Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz, wir müssen näher zusammenrücken.»

Allerdings verbarrikadieren sich die Menschen nicht. Wenn sich so einschneidende Dinge wie die Terroranschläge in Paris ereigneten, gebe es zunächst eine Schockstarre, sagt Opaschowski. Man ziehe sich in die eigenen vier Wände zurück. Mit dem Golfkrieg von 1991 sei in den USA dafür der Begriff des «Cocooning» aufgekommen. Doch dann kehrt der Alltag zurück. «Die Mehrheit ist pragmatisch. Das Leben geht weiter, muss weitergehen», sagt der Zukunftsforscher.

Die Umfrage des Ipsos-Instituts mache zwar deutlich, dass sich die Stimmung gedreht hat. Erstmals seit Jahren sind demnach die Pessimisten mit 50 Prozent deutlich stärker als die Optimisten mit 18 Prozent. Aber 73 Prozent der Befragten sagen auch, dass die Terrordrohungen ihre Art zu leben nicht nennenswert einschränken werden.

Opaschowski geht darum davon aus, dass sich auch das Reiseverhalten der Deutschen nicht grundsätzlich ändern wird. Der Inlandstourismus werde einen Boom erleben. Aber schon im Frühjahr werde die Schlagzeile von der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin (ITB) lauten: «Trotz Terrorangst und Flüchtlingskrise ist die Reiselust der Deutschen ungebrochen.»

Die Deutschen trauen den Politikern offenbar immer weniger zu, die anstehenden Probleme zu lösen. 56 Prozent der von Ipsos Befragten stimmten der Aussage zu: «Die Politiker sind den Herausforderungen der Zeit immer weniger gewachsen.» Und die Herausforderungen erscheinen den Bürgern größer als die Politiker behaupten. Nur 16 Prozent glauben, dass die Flüchtlingswelle Deutschland mehr Chancen als Probleme bringt. Und dass ihr Land international an Ansehen durch die Aufnahme der vielen Flüchtlinge gewinnt, erwarten nur 20 Prozent.

Immerhin läuft es wirtschaftlich nicht schlecht. Der «Nationale Wohlstandsindex für Deutschland» (NAWI-D), den Opaschowski zusammen mit dem Ipsos-Institut seit drei Jahren erkundet, zeige, dass es den Deutschen eigentlich gut gehe. Die Altersarmut sei ein Thema der Zukunft, aber nicht der Gegenwart.

Bleiben die Deutschen 2016 in ihrem familiären «Kokon»? Eine ehrenamtliche Tätigkeit zu übernehmen, haben sich laut BAT-Stiftung 13 Prozent vorgenommen. Opaschowski bemerkt: «Soziale Geborgenheit ist Voraussetzung für Bürgersinn.» Die konservativen Werte Ehrlichkeit, Anstand und gutes Benehmen stünden inzwischen ganz oben. «Die Menschen wünschen sich ein gutes Zusammenleben», sagt der Forscher auch mit Blick auf die Integration der Zuwanderer.

Und gesellschaftliche Organisationen von Vereinen über Parteien bis zu Kirchen können sich Hoffnung machen. Facebook habe bei der Jugend seinen Höhepunkt überschritten, sagt der Zukunftsforscher. Die Jüngeren stellten zunehmend fest, dass das soziale Netzwerk zwischenmenschliche Kontakte nicht ersetzen könne. «Das ist eine Chance für die Organisationen, die in letzter Zeit viele Mitglieder verloren haben.» Und Reinhardt drückt es so aus: «Statt nur darüber zu lamentieren, was der Staat versäumt hat, fühlen sich viele Bürger vor Ort selbst für das Gemeinwohl und Gemeinwesen verantwortlich und packen an.»