Haft statt Hilfe: Nigeria inhaftiert Kinder im Kampf gegen Boko Haram

Von Kristin Palitza, dpa

Zur Bekämpfung der islamistischen Terrormiliz Boko Haram greift Nigerias Militär zu drastischen Mitteln. Selbst Hunderte Kinder kommen in Untersuchungshaft. Das stößt auch auf Kritik.

Maiduguri (dpa) – Als Mohammed Abdullahi eines Nachts aufwachte, stand sein Onkel über seinem Bett. Er solle mitkommen, sagte der Onkel. Dann weckten sie seinen Bruder Abba. Bei Sonnenaufgang befanden sich die drei in einem Lager der Terrormiliz Boko Haram, tief im gefürchteten Sambisa-Wald im Nordosten Nigerias. Der Onkel, der sich der Miliz anschlossen hatte, zwang den zehnjährigen Mohammed und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder, sich den Fundamentalisten unterzuordnen. «Ich habe gesehen, wie Leute zusammengeschlagen und getötet wurden. Wir hatten große Angst», erinnert sich Mohammed.

Die Brüder hatten Glück. Wenige Monate später spürte ihr Vater sie auf und schlich sich mit ihnen aus dem Lager. Doch dann wurden sie von Soldaten aufgegriffen und in militärische Untersuchungshaft in der Stadt Maiduguri genommen, der Hauptstadt des Bundesstaats Borno. Nigeria muss die brutale islamistische Terrormiliz bekämpfen, doch Menschenrechtler warnen, dass beim Militär der Zweck anscheinend alle Mittel heiligt – und die Regierung in Abuja schweigt.

Die Kinder Mohammed und Abba wurden getrennt von ihrem Vater festgehalten und verhört. «Unsere Zelle war überfüllt. Wir haben Essen bekommen, aber kaum Wasser», erzählt Mohamed, der inzwischen in einem von der UN geleiteten Transitzentrum für Kinder betreut wird. Während der vier Wochen in U-Haft habe er sich nur zweimal waschen dürfen, sagt der Junge. Die Soldaten seien streng gewesen. Den ganzen Tag mussten sie stillsitzen. «Wer spielen wollte, wurde geschlagen», so Mohammed. Seinen Vater habe er nur zweimal aus der Ferne gesehen. «Wir haben uns zugewinkt. Miteinander reden durften wir nicht.»

Menschenrechtsorganisationen setzen sich seit vielen Monaten für eine Verbesserung der Bedingungen in den Internierungslagern des Militärs ein, aber bislang mit wenig Erfolg. «Es ist nicht vertretbar, Kinder ohne Anklageerhebung für einen längeren Zeitraum zu inhaftieren», sagt Caroline Aloyo, eine Unicef-Kinderschutzexpertin. Kinder unter 18 Jahren müssten nach internationalem Völkerrecht binnen 24 Stunden an die nächste zivile Behörde übergeben werden, erklärt die Expertin. «Selbst, wenn das Kind bewaffnet ist.» Unicef verhandle deswegen bereits seit drei Jahren mit den nigerianischen Streitkräften.

Das Militär hat jedoch andere Prioritäten. Schlimme Zeiten erfordern drastische Maßnahmen, so die Logik. Die sunnitischen Fundamentalisten der Boko Haram verüben fast täglich Anschläge und Angriffe im Nordosten Nigerias sowie in angrenzenden Gebieten der Nachbarländer. Seit 2009 haben sie schätzungsweise 20 000 Menschen getötet.

Jeder, der mit Boko Haram in Kontakt gekommen sei, müsse daher detailliert verhört werden, sagt Oberst Onyema Nwachukwu, der Sprecher Einsatzes gegen Boko Haram. «Wir müssen den Grad der Einbindung in die Miliz bestimmen, herausfinden was sie genau wissen», erklärt Nwachukwu. Kinder seien keine Ausnahme. Er will aus Sicherheitsgründen nicht sagen, wie viele Menschen das Militär in U-Haft hält. Boko Haram habe die zum Gefängnis umfunktionierte Giwa-Kaserne bereits zweimal angegriffen, um Anhänger zu befreien.

Nach UN-Schätzungen befinden sich derzeit 530 Jungen und Mädchen in Internierungslagern im Bundesstaat Borno, der Hochburg Boko Harams. Auch in den ebenfalls betroffenen Nachbarstaaten Yobe und Adamawa sei eine unbekannte Anzahl Kinder interniert. Unter ihnen war bis vor kurzem der sechsjährige Ali Audu, dessen Vater der Miliz angehörte. Ali schaffte es, zu fliehen, doch auch er wurde von Soldaten aufgelesen und mit Dutzenden Kindern in eine kleine Zelle gepfercht. Auch für ihn gab es statt psychologischer Hilfe Verhöre.

Vertreter der nigerianischen Anwaltskammer in Maiduguri versuchen vergeblich, gegen die unmenschlichen Bedingungen in den Internierungslagern anzukämpfen. Doch selbst Juristen erhalten kaum Zugang zu den Haftanstalten, sagt Rechtsanwalt Muhammad Umaru. Erwachsene würden oft für viele Wochen oder Monate ohne Anklage, Rechtsbeistand oder Besuchsrecht festgehalten. «Der schlimmste uns bekannte Fall ist der eines Verdächtigen, der mehr als drei Jahre in U-Haft saß und dann für unschuldig befunden wurde», so Umaru.

Amnesty International bezeichnete die Giwa-Kaserne im vergangenen Jahr als «Ort des Todes», in dem Babys, Kinder und Erwachsene aufgrund «unerträglicher Bedingungen» in ihren Zellen sterben. Mindestens 149 Gefangene, einschließlich elf Kinder unter sechs Jahren, seien in den ersten fünf Monaten von 2016 gestorben, hieß es. Soldaten hätten Hilferufe schlichtweg ignoriert, so Amnesty.

Seit der Veröffentlichung des Berichts 2016 habe sich die Situation in der Giwa-Kaserne leicht verbessert, meint Anwalt Umaru. Doch noch immer verstießen die Haftbedingungen gegen internationales Recht. Das Rote Kreuz dürfe nun ab und an Inhaftierte besuchen, um zu sehen wer medizinische oder psychologische Hilfe benötige.

Für Mohammed, Abba und Ali kommt diese Hilfe zwar zu spät, dennoch hat für die Jungen ein positiverer Lebensabschnitt begonnen. Seit ihrer Entlassung aus der Haft wohnen in einem Transitzentrum in Maiduguri, in dessen staubigem Hof sie übermütig Fußball spielen. Ihre Kleidung ist alt aber sauber, ihre Bäuche voll. Was bleibt ist nicht sichtbar: die Narben auf der Seele.