Helmut Schmidt geht – was bleibt?

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Von Matthias Benirschke, dpa

Er war der kühle Kopf in den Tagen der Sturmflut 1962 in Hamburg und im Deutschen Herbst des Terrors. Und je mehr sich Helmut Schmidt von der Parteiräson löste und den Deutschen qualmend die Welt erklärte, wurde er zum weisen alten Mann der Bundesrepublik.

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«Wer soll uns jetzt die Welt erklären?», fragte die «Zeit» nach dem Tod ihres Herausgebers Helmut Schmidt. Anders gefragt: Warum haben so viele dem alten Mann mit der Zigarette überhaupt zugehört, und das vor allem dann, als er schon längst kein Staatsamt mehr innehatte? Was bleibt von dem Ex-Senator, Ex-Minister, Ex-Kanzler, der am 10. November im Alter von 96 Jahren starb und an diesem Montag mit einem Staatsakt im Hamburger Michel geehrt wird?

Helmut Schmidt wurde als Kanzler respektiert, aber erst als Kanzler a.D. beliebt, als Vorbild, als Kult verehrt. 2007 wurde er zum besten lebenden Altkanzler gewählt. Seine Nachfolger hatten keine Chance als moralische Instanz. Helmut Kohl schwieg auch nach seiner Abwahl eisern zu den Geldgebern der Parteispendenaffäre. Und Gerhard Schröder war umgehend in die Dienste der russischen Gazprom getreten. Schmidt wurde Herausgeber der «Zeit».

Vertrauen hatte sich Schmidt in seinem Leben erarbeitet. Als Hamburger Innensenator setzte er sich bei der Sturmflut 1962 über alle Regeln und Vorschriften hinweg. Er machte sich zum Chef des Krisenstabs und setzte Nato-Hubschrauber und die Bundeswehr ein. Das war damals ein klarer Verfassungsbruch, begründete aber Schmidts Ruf als Macher und Krisenmanager. Die Hamburger haben Schmidt seine Leistung nie vergessen.

In den Augen des EKD-Ratsvorsitzenden, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, hatte Schmidt zunächst schon durch sein Alter und seine Lebenserfahrung eine große Autorität. «Dass er bis ins hohe Alter so viel analytische Kraft hatte und sie auch artikulieren konnte, hat vielleicht besonders auch junge Leute beeindruckt.»

Der Berliner Psychologe Siegfried Preisler beschreibt Schmidt als jemanden, der mit «klarer Kante für Orientierung» sorgte. «Er galt als Macher, der Ziele und Richtlinien vorgibt und dann auch umsetzt.» Das bediene das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und Geborgenheit.

«Helmut Schmidt hatte in der Öffentlichkeit die Funktion „weiser alter Mann“ übernommen», sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher. «Seine Wirkung und seine Glaubwürdigkeit nahmen zu, je mehr er sich von der Parteilinie löste. Und er hatte immer das Bedürfnis, die Welt zu erklären.»

Nebenbei wurde Schmidt in mehr oder weniger überzeugenden Wahlen zum weisesten Deutschen (2002), «coolsten Kerl» (2008) und bedeutendsten lebenden Deutschen (2014) gekürt. 2013 landete er hinter Mutter Theresa und Nelson Mandela auf dem dritten Platz der am häufigsten genannten Vorbilder der Deutschen. «Das ist eine Rolle, die mir nicht gefällt», bemerkte Schmidt dazu trocken im Mai 2015.

Unter dem Eindruck der Terroranschläge von Paris und der Absage des Fußball-Länderspiels in Hannover erinnern jetzt manche gerne an die nüchterne Politik Schmidts im deutschen Herbst. Mit seiner Weigerung, die gefassten Top-Terroristen der RAF gegen den entführten Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer auszutauschen, zog Schmidt als Kanzler 1977 eine klare Grenze.

Er ließ keinen Zweifel: Der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen. Und zusammen mit seiner Frau Loki setzte er ein sehr persönliches und glaubwürdiges Zeichen: Beide legten in schriftlichen Erklärungen fest, dass der Staat sie im Falle einer Entführung keinesfalls gegen gefangene Terroristen austauschen dürfe. Was würde Helmut Schmidt heute entscheiden, was würde er heute sagen? Eine spekulative Frage, aber sicherlich hätten die Menschen ihm zugehört.

Auch die jungen Leute hätten den «rauchenden Großvater aus der Glotze» («taz») geschätzt, schrieben jetzt einige Kommentatoren. Oberflächlich betrachtet, war er der «coole Quarzer, der überall raucht», sagt Nora Stankewitz, Chefredakteurin der Jugendzeitschrift «Spiesser». Schmidt stand quasi unter Denkmalschutz.

Gemessen an seinen inhaltlichen Positionen bot er bisweilen auch unzeitgemäße Ansichten. Zum Beispiel zweifelte er am vom Menschen verursachten Klimawandel und kritisierte den Atomausstieg. Dafür konnten viele junge Leute bei Schmidt andocken, wenn er sich gegen den «Raubtier-Kapitalismus» und gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr aussprach.

Helmut Schmidt genoss die Aufmerksamkeit sichtlich, auch wenn er mürrisch wirkte. Und er nahm die Verehrung mit Sarkasmus, sagte Sätze wie «Ich bin eben auch gelernter Staatsschauspieler» oder «Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.» Und was braucht man zum Erfolg? «Willen braucht man. Und Zigaretten.»