Laura Himmelreich will «Vice.com» politischer machen

Laura Himmelreich wechselt vom «Stern» zu «Vice.com». Sie wird dort Chefredakteurin der deutschen Ausgabe des Webmagazins. Umkrempeln will sie die Redaktion nicht, aber schon neue Schwerpunkte setzen.

himmelreich

Laura Himmelreich (32) ist ab 1. Juni Leiterin der deutschen Redaktion von «Vice.com» in Berlin. Das Webmagazin gehört zum Medienunternehmen Vice Media, das in Deutschland noch acht weitere Online-Plattformen wie «Vice Sports» und «Noisey» für Musikfans gelauncht hat und bei dem auch das gedruckte «Vice»-Magazin erscheint. Die Redaktion von «Vice.com» soll größer und politischer werden, sagte Himmelreich der Deutschen Presse-Agentur. «Und ich will, dass mein Team Geschichten macht, auf die es stolz ist.»

Frage: Was wird sich bei «Vice.com» künftig ändern?

Antwort: Ich möchte an dem Markenkern nichts ändern, die Marke ist stark. Ich hole zunächst drei neue Leute ins Team. Das bedeutet mehr Möglichkeiten, in die Recherche zu gehen und mehr an den Texten zu arbeiten. Als Redakteurin beim «Stern» habe ich mich mit politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Solche Themen gehören auch zu «Vice». Fragen wie: «Was ist gerecht?» oder «Wo fließt das Geld hin?». Klar wird es mehr politische Themen geben mit jemandem, der fünf Jahre lang im politischen Berlin unterwegs war.

Frage: Wie sieht «Vice.com» in einem Jahr aus?

Antwort: Ich hoffe, dass wir in einem Jahr noch mehr Geschichten gestemmt haben, über die gesprochen wird. Und ich will, dass mein Team Geschichten macht, auf die es stolz ist.

Frage: Soll auch der Umfang der Berichterstattung bei «Vice.com» zunehmen?

Antwort: Das erste Ziel ist, Tiefe und Qualität der Berichterstattung auszubauen. Wenn es uns dann noch gelingt, mehr Artikel zu veröffentlichen, ist das natürlich auch toll. Weniger werden es jedenfalls nicht werden.

Frage: Gibt es Themen, die man in Print machen kann, bei «Vice.com» aber nicht?

Antwort: Nein. Aber man muss sich bei Online stärker überlegen, machen wir einen Riesentextriemen oder spielen wir das Thema über eine Woche? Wollen wir das in verschiedenen Artikeln covern? Ich glaube aber, dass auch lange Recherchen online funktionieren. Wir hatten vorletzte Woche einen großen Report über nordkoreanische Zwangsarbeiter in Polen, das war eine Riesenrecherche. Auch das ist «Vice»: Dinge aufzudecken, mit Leuten zu sprechen, mit denen noch niemand gesprochen hat. Unsere Geschichte hat das Thema mittlerweile auf die Agenda des EU-Parlaments gebracht.

Frage: Welche Möglichkeiten bietet Online, die Print nicht bietet?

Antwort: Wir können uns bei Vice bei jeder Geschichte entscheiden: Erzählen wir das am besten in einem Video, als Text oder als Fotoreportage? Persönlich freue ich mich aber vor allem über zwei Sachen: Dass ich nun nicht mehr Texte anpassen muss, weil das Layout eine bestimmte Zeilenzahl vorgibt. Und, dass ich Geschichten dann veröffentlichen kann, wenn der Zeitpunkt perfekt ist und nicht auf einen Drucktermin warten muss.

Frage: Können Sie die Zielgruppe von «Vice.com» kurz beschreiben?

Antwort: Es sind auf jeden Fall junge Leute. Ich würde sie gar nicht auf ein bestimmtes Alter festlegen wollen, und ich freue mich über jeden Besucher der Seite.

Frage: Die Redaktion soll wachsen, wie sind die Pläne dafür?

Antwort: Jetzt sind es acht Stellen bei «Vice.com», bis Ende des Jahres kommen vier dazu. Ich habe nichts dagegen, wenn mein Team danach noch weiter wächst. Der gesamte Konzern expandiert. Jetzt arbeiten bei «Vice» Deutschland 150 Leute, bis Ende des Jahres sollen es 200 sein. Das ist nicht selbstverständlich. Und wir haben hier das Privileg, dass wir Nachwuchstalententen sagen, du kannst bei uns alles machen vom politischen Reporter, zum News-Redakteur bis hin zum TV-Journalisten.

Frage: Ist bei Ihnen jetzt Schluss mit Recherchieren und Schreiben?

Antwort: Klar wird es weniger werden. Alles andere wäre unrealistisch. Meine letzte Geschichte beim «Stern» war über den Missbrauch von Leiharbeitern bei der Drogeriekette Rossmann, dafür habe ich mit einem Kollegen mehrere Monate recherchiert. Sowas werde ich selbst nicht mehr machen. Man hat die Wahl, will man Reporter sein oder Chef, und ich finde Chefin zu werden ziemlich gut. In den letzten Wochen habe ich mein Team kennengelernt. Ich habe in Kopenhagen und London die «Vice.com»-Chefs dort getroffen. Ich werde mit jungen, internationalen, coolen und klugen Menschen zusammenarbeiten. Deswegen bin ich ziemlich enthusiastisch.

ZUR PERSON: Laura Himmelreich (32) studierte Politikwissenschaft sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Beim «Stern» arbeitete sie als Politik- und Gesellschaftsreporterin. Sie wurde unter anderem mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet und war 2013 für den Deutschen Reporterpreis nominiert. Im Januar 2013 hatte Himmelreich im «Stern» einen Artikel veröffentlicht, in dem sie von einer Begegnung mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle berichtete. Er soll ihr gegenüber an einer Hotelbar anzügliche Bemerkungen gemacht haben. Der Bericht löste eine intensive Diskussion über Sexismus aus.