Schlange stehen und schales Bier? Großbritannien im Klischee-Check

Von Teresa Dapp, dpa

Am 8. Juni schaut Europa wieder mal auf die Briten und ihre Wahl. Bei allem Ärger, den sie Europa mit dem Brexit eingebrockt haben, bleiben sie doch irgendwie liebenswert – oder jedenfalls unterhaltsam. Ein Überblick über einige Briten-Klischees und was an ihnen dran ist.

Belohnt oder bestraft Großbritannien Theresa May am Donnerstag für ihren knallharten Brexit-Kurs? Für Europa ist die Parlamentswahl auf der Insel wichtig, und in Sachen Wahlentscheidung waren die Briten in den vergangenen Jahren immer wieder für eine Überraschung gut. In anderer Hinsicht glauben viele Deutsche dagegen, das Insel-Volk genau zu kennen. Sieben Stereotype im Check:

1. Die Briten lieben die Royals und pflegen alten Standesdünkel.

Da ist viel dran: Die Royals liefern entzückende Familienfotos, echte Skandale gab es seit Jahren nicht, und fast 70 Prozent der Briten glauben, dass die Monarchie gut fürs Land ist. Es gibt natürlich auch Bestrebungen, aus dem Königreich eine Republik zu machen, aber kein Politiker mit Einfluss hat das vor. Die Kosten von 62 Pence pro Brite und Jahr für das Königshaus regen die meisten nicht auf. Anders ist das mit dem Oberhaus, dem House of Lords, in dem immer noch etliche Mitglieder einen geerbten Sitz haben. Beim Pferderennen in Ascot schauen die Klassen bis heute getrennt zu, die elitären Kreise bleiben auch an den Elite-Unis mehr unter sich als anderswo.

2. Die Briten sind ein höfliches Volk.

Das lässt sich schwer messen, fällt aber so gut wie jedem auf, der die Insel besucht. «Sorry» gehört zu den am meisten gebrauchten Wörtern, selbst in der Londoner Rushhour gibt es selten echtes Gedränge oder gar Streit. Auf Rolltreppen gilt «rechts stehen, links gehen», und die berühmten Warteschlangen an Bushaltestellen lassen sich vor allem auf dem Land beobachten. Was natürlich auch stimmt: Betrunkene Briten können – wie andere Betrunkene auch – sehr laut und rücksichtslos sein, in Spanien am Strand genauso wie bei sich zu Hause.

3. Die Briten haben eine miserable Küche.

Ja, das «Pub Food» ist oft nicht so toll. Ungesalzenes, zerkochtes Gemüse zum Beispiel. Nicht jeder findet es lecker, Essig über Pommes und frittierten Fisch zu kippen. Starkoch Jamie Oliver hat nicht ohne Grund eine große Initiative gestartet, um Schulessen in seiner Heimat gesünder zu machen. «Full English Breakfast» mit Wurst, Speck, Bohnen, Ei und Butter-Toast kann Sodbrennen verursachen. Aber: Britische Spezialitäten wie Sonntagsbraten, Yorkshire Pudding (keine Süßigkeit, sondern eine Gebäck-Beilage zu Fleisch) und Scotch Egg findet man auch in hervorragender Qualität. In Großbritannien gibt es über 160 Restaurants mit einem bis drei Michelin-Sternen.

4. Die Briten trinken lauwarmes Bier, das abgestanden schmeckt.

Das kommt nicht von ungefähr: Traditionelles britisches Ale wird aus Handpumpen ohne Zusatz von Kohlensäure gezapft und nicht eiskalt serviert. Seit den 70er Jahren gibt es eine Initiative namens Camra, die für diese Tradition kämpft. Denn Biere wie Stella oder Heineken machten den einheimischen Sorten Konkurrenz – man bekommt sie heute fast überall, kalt und mit Kohlensäure.

5. Die Briten haben einen großartigen Humor.

Das ist natürlich Geschmackssache. Der britische Humor ist jedenfalls ein Exportschlager – man denke nur an Monty Python und Mr. Bean, Little Britain und Sacha Baron Cohen. Charlie Chaplin und Stan Laurel waren Engländer. Wer Zeit mit Briten verbringt, merkt schnell, dass sie sich gern und oft mit feiner Ironie über sich selbst, andere und die gesamte Welt lustig machen – egal, wie ernst die Lage ist.

6. Die Briten scheitern regelmäßig im internationalen Fußball.

Stimmt. Die Engländer haben den Fußball erfunden – aber nur eine einzige Weltmeisterschaft auf dem Konto. Die holten sie 1966 in London gegen Deutschland auch noch mit dem umstrittenen Wembley-Tor. In Europameisterschaften kamen sie nicht mal ins Finale. Schottland, Wales und Nordirland, die wegen der Verbandstraditionen eigene Nationalmannschaften stellen, reißen international erst recht nichts. Teams wie Liverpool, Chelsea und Manchester United gehören dagegen zu den bekanntesten der Welt und locken Prominenz (Jürgen Klopp!) auf die Insel. Trotz Kritik an Clubs, die von Scheichs und Oligarchen finanziert werden, genießt die Premier League hohes Ansehen.

7. Die Briten pflegen ihre Insel-Mentalität.

Stimmt. Sie fahren auf der linken Straßenseite, geben ihr Gewicht in Steinen an und messen Entfernungen in Füßen. Und dann ist da natürlich die gewaltige Europa-Skepsis oder sogar -Feindlichkeit, die der EU und den Briten den Brexit eingebrockt hat. «Splendid Isolation», großartige Isolation, auf viele Briten passt dieser außenpolitische Glaubenssatz aus dem 19. Jahrhundert noch heute.