Schwert in der Backe, Rasierklinge im Fuß: Phuket feiert ein Fest

phuket-1432891_960_720Das Blut rinnt an den messerscharfen Klingen herab, aber die Blutenden sind völlig ruhig, in Trance. Das so genannte Vegetarische Festival auf Phuket ist nichts für Zartbesaitete. Es geht den Teilnehmern um Göttermacht.

Neun Schwerter ragen aus dem Mund eines Mannes, die messerscharfen Klingen sind von hinten durch die Backen gestochen. Auf seinem Kittel ist getrocknetes Blut. Der Mann lebt: Er stellt die Körperverletzung wie Dutzende andere bei einem Festival in Thailand in aller Öffentlichkeit zur Schau. Andere laufen mit nackten Sohlen über glühende Kohle, wieder andere steigen mit Rasierklingen gespickte Treppen hoch oder marschieren ungerührt durch explodierende Feuerwerkskörper.

Alljährlich ist das neuntägige Spektakel auf der Insel Phuket zu sehen, in diesem Jahr ab dem 1. Oktober. Tausende einheimische und ausländische Besucher reisen dafür an. Es ist eine besondere Variante des so genannten Vegetarischen Festivals, eigentlich ein Ritual, das chinesische Einwanderer vor fast 200 Jahren mitbrachten. Nach der Überlieferung bringt es Gesundheit und Seelenfrieden, sich im neunten Monat des Mondkalenders zu enthalten und kein Fleisch zu essen. Auf Phuket hat es aber mit Fleischenthaltung nur noch wenig zu tun. Die Selbstverstümmelung steht dort im Vordergrund.

Teilnehmer sind meist ganz normale Leute wie Charnwit Jinnathanapong, 40 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Der Techniker bei einer Telekommunikationsfirma hatte im Alter von 16 Jahren eine Vision im Traum, wie er der Deutschen Presse-Agentur erzählt. «Ein chinesisch aussehender Geist hat mich ausgewählt und gefragt, ob ich mit ihm gehe», sagt Jinnathanapong. Er habe dies als Auserwählung empfunden. Beim nächsten Festival im neunten Mondmonat fiel er in eine Trance.

Andere haben traumatische Ereignisse überlebt oder sahen nach eigenem Empfinden ihr Leben in Gefahr und wurden von den neun Kaisergöttern der chinesischen Taoismus-Religion gerettet. Wenn ein Tempel sie annimmt, können sie als Medium, als so genannte «Mah Song», an den Ritualen teilnehmen. Sie verfallen dafür in eine Trance, in der ihre gewöhnlichen Gefühle ausgeschaltet sind.

Jinnathanapong hat seinen Körper schon Dutzende Male piercen lassen, Arme, Beine, Ohren, wie er berichtet. «Ich spüre zwar, wie die langen Nadeln hineingehen, aber ich fühle keinerlei Schmerz dabei», sagt er. Es fließe kaum Blut, die Wunden heilten schnell.

Das Festival hat seinen Ursprung in Thailand wahrscheinlich im Jahr 1925, sagt Tatankorn Sangkapipattanakul, Dozent für chinesische Kultur an der Huachiew Chalermprakiet-Universität 25 Kilometer südöstlich von Bangkok. Damals seien viele chinesische Einwanderer ins Land gekommen. Sie brachten das Fest der neun Kaisergötter mit, bei dem es eigentlich darum geht, Körper und Geist zu reinigen – etwa durch den Verzicht von Fleisch, Eiern, Milchprodukten, Zigaretten und starken Gewürzen.

In China gehören dazu keine Selbstverletzungen. Auf Phuket dürften lokale Traditionen das Fest in seiner heutigen Ausprägung hervorgebracht haben, glaubt Sangkapipattanakul. Das Aushalten der schmerzhaften Verletzungen solle signalisieren: Dieser Mensch wird wie von Magie geschützt, so stark sind die Götter und Geister. «Im Taoismus spielen übernatürliche Kräfte eigentlich keine große Rolle», sagt der Experte. «Diese Rituale sind ein Werkzeug, um die weniger Gebildeten in ihrem Glauben zu bestärken.»

Einher geht das thailändische Fest im ganzen Land mit unzähligen Markt- und Straßenständen und aufwendigen veganen Gerichten. In Bangkok wird der Bezirk Chinatown zu einer wahren Fressmeile.