Ulf Merbold wird 75

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Von Ulf Mauder, dpa

Lange mag der frühere Astronaut Ulf Merbold nicht reden in seinem Haus in Stuttgart. Das Wetter ist mal gut, da will der Pilot zum Segelfliegen möglichst früh auf den Flugplatz. Aber dann kommt er vor seinem 75. Geburtstag doch ins Plaudern.

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Dass Ulf Merbold als einziger Deutscher dreimal im Weltall war und auch sonst mit Rekorden aufwarten kann, lässt ihn auch nach mehr als zehn Jahren im Ruhestand nicht los. Vor seinem 75. Geburtstag am 20. Juni ist der mit Abstand erfahrenste deutsche Raumfahrer weiter ein gefragter Gesprächspartner. Dabei mahnt er vor allem immer wieder die Europäer, sich stärker einzubringen bei der Erforschung des Alls – und den Weltraum nicht den Russen, Chinesen und US-Amerikanern zu überlassen.

«Wir haben im Moment eine Zeit des Verwaltens und nicht des Gestaltens. Wir drehen an kleinen Stellschrauben. Uns fehlen die Figuren für die großen Entwürfe», sagt Merbold. So hätte etwa die Europäische Weltraumorganisation ESA längst ein Raumschiff für bemannte Flüge bauen können. «Auf dem internationalen Parkett wären wir damit zu einem Partner auf Augenhöhe geworden.» Das Monopol darauf haben heute die Russen.

Von seinem Haus in bester Stuttgarter Höhenlage mit weitem Blick in die schwäbische Landschaft unternimmt der leidenschaftliche Physiker immer wieder Reisen zu Vorträgen und Raumfahrertreffen. Auch als der ESA-Astronaut Alexander Gerst 2014 vom Weltraumbahnhof Baikonur zur Internationalen Raumstation (ISS) startete, war Merbold auf dem Kosmodrom in der kasachischen Steppe dabei.

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass er selbst 1983 auf dem Jungfernflug des europäischen Raumlabors «Spacelab» als erster Westdeutscher ins All flog. Und er war der erste Ausländer an Bord eines US-Raumschiffs überhaupt. «Erleichtert und glücklich» sei er damals gewesen, unter mehr als 2000 Bewerbern ausgewählt worden zu sein, sagt er.

Merbold war noch in der Ausbildung, als 1978 bereits ein anderer – der DDR-Bürger Sigmund Jähn – als erster Deutscher das All eroberte. Sechs Jahre später, Deutschland war noch geteilt, trafen sich die beiden deutschen Raumfahrtpioniere zum ersten Mal. «Die Chemie stimmte gleich», sagte Jähn einmal in einem Interview. Den Fall der Berliner Mauer 1989 sahen sie gemeinsam in einem Hotelzimmer während eines Treffens von Weltraumforschern in Saudi-Arabien. Bis heute ist Jähn seinem Freund Merbold dankbar dafür, dass er nach dem Ende der DDR einen Job als Berater bei der ESA fand.

Merbold, der im thüringischen Greiz geboren wurde, hatte seine eigene leidliche Erfahrung mit dem System. Nach dem Abitur 1960 hätte er gern Physik in Jena studiert. Doch weil er nicht in die DDR-Jugendorganisation FDJ eintrat und auch sonst zum System auf Distanz ging, blieb ihm das Studium verwehrt. Noch vor dem Mauerbau ging er in den Westen, studierte in Stuttgart. Später arbeitete er am Max-Planck-Institut für Metallforschung (heute das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme) auf dem Gebiet der Festkörper- und Tieftemperaturphysik – bis zu einer neuen Wende in seinem Leben, dem Eintritt in die ESA.

Fast zehn Jahre vergingen nach dem ersten Flug. 1992 reiste Merbold an Bord der Raumfähre «Discovery» erneut ins Weltall. Und dann die dritte Tour 1994 an Bord des Raumschiffes «Sojus TM-20». Es war das erste Mal, dass ein Astronaut der ESA auf die russische Raumstation Mir fliegen durfte. Merbold traf in politisch unruhigen Zeiten 1993 in Russland zum Training im Sternenstädtchen bei Moskau ein.

Emotional war die Begegnung mit Russland allemal. Merbolds Vater starb nach dem Krieg in sowjetischer Gefangenschaft im früheren KZ Buchenwald. Das prägte ihn. Er selbst habe Russland als «zivilisierte Nation» mit großen Beiträgen zur Weltkultur kennengelernt, sagt Merbold. Für seine Arbeit mit den Mir-Kosmonauten 1994 erhielt er als erster Ausländer den Freundschaftsorden des russischen Präsidenten.

Ehrungen gab es viele. Seine frühere Schule in Greiz trägt heute den Namen berühmten Absolventen. Erst in diesem Monat reiste er zur Abiturientenfeier des Ulf-Merbold-Gymnasiums. Bei solchen Begegnungen erzählt der zweifache Familienvater gern, wie es ist, die Welt von oben zu betrachten – und von der Aufgabe, das «Raumschiff Erde» für die nächsten Generationen intakt zu hinterlassen. Eine gute Sicht von oben genießt der begeisterte Hobby-Pilot noch immer regelmäßig – beim Segelfliegen.