Venezuela am Scheideweg

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Von Georg Ismar, dpa

«Es ist verrückt», sagen nicht nur Gegner von Venezuelas Präsident Maduro. Das Land ist nach 16 Jahren sozialistischem Modell gespalten – und blickt in den Abgrund. Wird Maduro zum Kurswechsel gezwungen?

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Bei der Einfahrt nach Caracas prangt an einem Hochhaus ein unübersehbares Banner: «Am 6. Dezember gewinnt Chávez.» Der Begründer der bolivarischen Revolution, Hugo Chávez, stand bei der Parlamentswahl in Venezuela aber gar nicht zur Wahl – er starb 2013. Im Wahlkampf war sein Konterfei auf den Bannern der Sozialistischen Partei dennoch omnipräsent – denn dieser Tage geht es in Venezuela um sein Vermächtnis, um eine Richtungsentscheidung.

Chavez‘ Nachfolger Nicolás Maduro spricht vom «Abgrund», in den das Land stürzen werde, sollte der von Chávez eingeschlagene Weg einer Umverteilungspolitik für ärmere Schichten gestoppt werden. Seine Warnung: Das könnte der Fall sein, wenn die im Bündnis «Mesa de Unidad Democrática» vereinte Opposition gewinnt.

Die Venezolaner blicken mit Bangen auf die Tage nach der Wahl. Valide Ergebnisse werden erst für diesen Montag erwartet. Beide Seiten hatten die Wahl am Sonntag zu einem Plebiszit überhöht – Maduro könnte bei einem Mehrheitsverlust versuchen, über das «Ley Habilitante» – ein Ermächtigungsgesetz – für mindestens sechs Monate mit Dekreten am Parlament vorbei zu regieren. Das alte Parlament könnte ihm das noch zubilligen.

Die Lage ist angespannt: Der Oppositionspolitiker Luis Manuel Díaz (Acción Democrática) wurde im Wahlkampf erschossen und Leopoldo López (Voluntad Popular) wegen Gewalt nach von ihm initiierten Demonstrationen zu fast 14 Jahren Haft verurteilt. Bekanntestes Gesicht der Opposition ist Enríque Capriles. «Wenn Maduro sich radikalisiert, wird er damit nur seinen Abgang beschleunigen», warnt Capriles vor undemokratischen Abenteuern.

Vor der Wahl ließen sich die Sozialisten nicht lumpen. Nach Angaben der Zeitung «El Tiempo» wurden 3380 neue Taxis bereitgestellt, 37 643 Computer verteilt und 1192 Apartments übergeben. Eigentlich wissen aber alle, die Zukunft muss anders aussehen als die Gegenwart, die von Kriminalität, Misswirtschaft, Geldentwertung gekennzeichnet ist.

An den Eingängen zu Cafés in Caracas: Rote Warnschilder mit durchgestrichenen Pistolen: Waffen müssen draußen bleiben. Abgeriegelte Viertel, Angst vor Motorradbanden und Schießereien.

«Es ist verrückt», sagt der Geldwechsler Ricardo. Zu ihm kommt man nur durch eine Sicherheitsschleuse. Er gibt einen Kurs von 750 Bolivar für einen Dollar. Der offizielle Regierungskurs lautet 1:6,3 Bolivar. «Kaum ein Unternehmer exportiert noch was», sagt Ricardo. «Denn die mit Dollar bezahlten Rechnungen laufen über die Zentralbank.» Und die verrechne dann die an die Unternehmer fälligen Beträge mit dem 1:6,3-Kurs.

Weil es kaum noch Devisen gibt und die Inflation im 200-Prozent-Bereich liegt, sind Dollars so gefragt und der Schwarzmarkt-Kurs so hoch. Wenn Touristen schwarz wechseln, ist Venezuela eines der billigsten Reiseländer, ein Essen im Restaurant kostet zwei Dollar. Das Rattern der Geldmaschinen ist der Alltagssound von Caracas. Da der größte Schein der Hunderter ist (10 Cent), muss man bei größeren Beträgen eine Tüte voll Geld mitschleppen.

Die ärmeren Schichten trifft die hohe Inflation am stärksten. Im Tagestakt ziehen die Preise an. Der Mindestlohn im Monat liegt bei knapp 10 000 Bolivar, das sind nur noch rund 10 Euro.

Im Alltag ist die Krise omnipräsent, auch im Mittelschicht-Viertel Baruta in Caracas. Die Bewohner werfen der Regierung vor, sie systematisch bei der Wasserversorgung zu benachteiligen. Mal fließt das Wasser tagelang gar nicht, dann kommt es braun aus dem Hahn. «Vor Chávez gab es einen verlässlichen Service», meint Lizzett Hauer. Und Margerita Ramírez (65) klagt: «In Kuba ist es nicht so schlimm wie hier.» Luis Maita hat einen Beutel voll mit schwarzem Dreck mitgebracht. «Habe ich heute aus meiner Leitung gekratzt.»

Und dann ist da der Mangel an Lebensmitteln. Die Endnummer auf dem Ausweis entscheidet, wann im Supermarkt Grundnahrungsmittel wie Reis, Hühnchen und Eier gekauft werden dürfen. Schlangestehen ist Alltag. Aber oft gibt es Sachen nicht mehr – auch weil die Inflation den Import von in Dollar zu zahlenden Waren zu teuer beziehungsweise die Produktion im Land unrentabel macht. Keinen Mangel gibt es bisher allerdings am «nationalen Heiligtum» Benzin.

Im Land mit den noch vor Saudi-Arabien größten Ölreserven kosten 25 Liter 2,50 Bolivar – 0,3 Euro-Cent. Ein Taxifahrer zeigt nach dem Tanken auf eine Wasserflasche: «Hat 100 Bolivar gekostet, 40 Mal so viel.» Weil es aber nicht genug Raffinerien gibt, muss Venezuela sogar Benzin für viel Geld importieren. Ein weiteres Mosaiksteinchen zu einer Krise, die das Land zu zerreißen droht.