Viel Gesprächsstoff: Olympia-Bann Russlands großes Thema in Kassel

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Von Andreas Schirmer und Ralf Jarkowski, dpa

Die Sportmacht Russland muss ohne die in der Vergangenheit sehr erfolgreichen Leichtathleten zu den Olympischen Spielen nach Rio reisen. Dies hat der Weltverband IAAF entschieden. Es droht aber weiteres Ungemach: Auch ein Komplett-Aus ist nicht ausgeschlossen.

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Bei den deutschen Meisterschaften am Wochenende in Kassel wird der Olympia-Ausschluss der russischen Leichtathleten wegen systematischen Dopings ein großes Thema sein. «Ich denke, dass es sehr positiv aufgenommen wird. Das ist etwas, was Hoffnung macht», sagte Clemens Prokop, Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Er betonte: «So eine Entscheidung hat es in der Geschichte des Sports noch nicht gegeben.»

Russlands Präsident Wladimir Putin kritisierte den Olympia- Ausschluss. «Natürlich ist das unfair», sagte Putin am Freitagabend in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur und anderen Nachrichtenagenturen. Er verwies darauf, dass individuelle Schuld bewiesen werden müsse. Es dürften keine Kollektivstrafen verhängt werden. Die Entscheidung des IAAF-Council stelle eine «Verletzung aller Rechtsgrundsätze» dar. Zwei Stunden vor der Entscheidung hatte Putin eine Beteiligung des russischen Staates an Dopingvergehen von Sportlern bestritten. «Von staatlicher Seite haben wir gegen Doping im Sport gekämpft und werden das auch in Zukunft tun.»

Der Weltverband IAAF hatte am Freitagabend in Wien bekanntgegeben, dass die seit dem 13. November 2015 bestehende Suspendierung Russlands nicht aufgehoben wird – mit einem Zusatz: Dass Athleten, die nicht vom «russischen Doping-System verdorben» seien und sich außerhalb des Landes einem strengen Anti-Doping-System unterworfen hätten, doch noch bei den Sommerspielen in Rio antreten könnten.

«Die Tür ist ein Spalt offen», sagte Rune Andersen, der Vorsitzende der IAAF-Taskforce, die den Reformfortgang in Russland überwachte, aber die Empfehlung für den Bann und das kleine Schlupfloch gab. Entscheiden soll eine IAAF-Kommission über einen Olympia-Start nachweislich sauberer Leichtathleten der abgestraften Sportmacht. Die Auserwählten sollen keineswegs als Russen bei den Rio-Spielen antreten, sondern unter der neutralen Olympischen Fahne.

Ob auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) bei dieser Kompromisslösung mitspielt, wird sich spätestens am Dienstag bei einem IOC-Gipfel in Lausanne zeigen, wo unter den olympischen Interessensverbänden über Kollektivstrafe und dem individuellen Recht von Athleten beraten werden soll. Das IOC äußerte sich zunächst sehr zurückhaltend zum Olympia-Aus der russischen Leichtathleten und teilte nur mit, es «zur Kenntnis genommen» zu haben.

Nach dem historischen Beschluss der IAAF von Wien könnte auch das IOC noch in die brisante Lage kommen, weitere Sanktionen oder gar den kompletten Spiele-Ausschluss aller russischen Sportler zu verhängen. Momentan untersucht eine Ermittlergruppe der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, ob die Vorwürfe gegen Russland wegen Doping-Vertuschung bei den Winterspielen 2014 in Sotschi stimmen: Der russische Geheimdienst FSB soll positive Proben der Athleten des Gastgebers verschwinden lassen haben. Bis Mitte Juli soll ein Untersuchungsbericht vorliegen.

Der Gewichtheber-Weltverband IWF hat zwar die Bulgaren wegen massiven Dopings zuvor schon von den Rio-Spielen ausgeschlossen, doch einen Bann wie in der Größenordnung gegen die Russen gab es noch nie in der olympischen Geschichte. Bei den London-Spielen waren von den rund 440 russischen Sportlern ein Viertel Leichtathleten. Russland war 2012 mit 18 Medaillen nach den USA die zweitstärkste Leichtathletik-Nation.

Sinkt nun in Rio das Niveau im olympischen Kernsport? «Unser Ziel ist nicht, die meisten Länder bei Olympia an den Start zu bringen, sondern so viele saubere Athleten wie möglich», erklärte IAAF-Präsident Sebastian Coe.